Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg

Eine zynische, käufliche, demagogische Presse wird mit der Zeit ein Volk erzeugen, das genauso niederträchtig ist, wie sie selbst.

— Joseph Pulitzer

Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg

„Der Liberalismus, welcher Spielart auch immer, war 1914 nicht nur im Deutschen Reich, sondern in allen größeren Staaten Ost- und Mitteleuropas schwach entwickelt. Die Politik war in Italien noch zerrissener als in Deutschland, und die Überzeugung, dass Krieg zur Erreichung politischer Ziele, insbesondere zur Schaffung eines Kontinentalimperiums, gerechtfertigt sei, wurde von vielen europäischen Mächten geteilt, wie der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 mit erschreckender Deutlichkeit zeigen sollte. Überall in Europa bedrohten die erstarkenden Kräfte der Demokratie die Hegemonie der konservativen Eliten. Das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert war nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa das Zeitalter des Nationalismus, und die „Nationalisierung der Massen“ ereignete sich auf dem gesamten Kontinent. Doch in keinem anderen Land Europas waren alle diese Bedingungen gleichzeitig und in demselben Ausmaß gegeben wie in Deutschland. Zudem war Deutschland nicht irgendein europäisches Land. Von Historikern ist zwar verschiedentlich über die angebliche Rückständigkeit des damaligen Deutschlands geschrieben worden, über das Defizit an staatsbürgerlichen Wertvorstellungen, die antiquierte Gesellschaftsstruktur, das unmündige Bürgertum und den neofeudalen Adel. Aber lange vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs war Deutschland die wohlhabendste, mächtigste und fortgeschrittenste Volkswirtschaft des Kontinents. In den letzten Friedensjahren erzeugte Deutschland zwei Drittel der europäischen Stahlproduktion, die Hälfte der europäischen Steinkohle- und Braunkohleproduktion und 20% mehr Strom als Großbritannien, Frankreich und Italien zusammen. 1914 gebot das Deutsche Reich mit seinen 67 Millionen Einwohnern über ein weit größeres Arbeitskräftereservoir als jede andere kontinentaleuropäische Macht mit Ausnahme Rußlands. Britannien, Frankreich und Österreich-Ungarn wiesen zum damaligen Zeitpunkt eine Bevölkerung von jeweils 40 bis 50 Millionen auf. Unter den modernen Industrienationen in der chemischen, der pharmazeutischen und der Elektroindustrie war Deutschland führend in der Welt. In der Landwirtschaft hatte der Einsatz von Kunstdünger und Maschinen die Erträge im Norden und Osten verbessert, 1914 beispielsweise erzeugte Deutschland ein Drittel der Weltkartoffelernte. Der Lebensstandard hatte sich spätestens seit der Jahrhundertwende sprunghaft verbessert. Die Erzeugnisse von deutschen Firmen der Großindustrie wie Krupp und Thyssen, Siemens und AEG, Hoechst und BASF waren in der ganzen Welt für ihre Qualität bekannt.

Viele, die in der frühen Zwischenkriegszeit wehmütig auf das Deutschland vor 1914 zurückblickten, scheinen es als Insel des Friedens, des Wohlstands und der sozialen Harmonie wahrgenommen zu haben. Doch unter dieser prosperierenden und zuversichtlichen Oberfläche lauerten Nervosität, Ungewißheit und quälende innere Spannungen. Für viele war das Tempo des wirtschaftlichen und sozialen Wandels erschreckend und beunruhigend. Überkommene Wertvorstellungen schienen in einem Chaos aus Materialismus und ungezügeltem Ehrgeiz zu versinken. Die Kultur der Moderne, von der abstrakten Malerei bis zur atonalen Musik, verstärkte in manchen Teilen der Gesellschaft dieses Gefühl der Desorientierung. Die alte Hegemonie des preußischen Landadels, die noch Bismarck mit Zähigkeit zu verteidigen versucht hatte, wurde durch den ungestümen Marsch der deutschen Gesellschaft in die moderne Zeit untergraben. In den oberen und mittleren Schichten der Gesellschaft hatten sich bis 1914 bürgerliche Wertvorstellungen, Gewohnheiten und Verhaltensweisen behauptet, gleichzeitig wurden diese durch eine immer stärker auftrumpfende, in der machtvollen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung organisierte Industriearbeiterklasse in Frage gestellt. Im Unterschied zu jedem anderen europäischen Land war Deutschland nicht vor der industriellen Revolution, sondern auf deren Höhepunkt zum Nationalstaat geworden, auf der Grundlage eines Bundes verschiedener Einzelstaaten, deren Bürger hauptsächlich durch ihre gemeinsame Sprache, Kultur und Volkszugehörigkeit verbunden waren. Die durch die schnelle Industrialisierung hervorgerufenen Ängste mischten sich mit widersprüchlichen Vorstellungen über das Wesen des deutschen Staates und der deutschen Nation und deren Stellung in Europa und der Welt. Die deutsche Gesellschaft wurde von rasch sich verschärfenden zerrissen, die die Spannungen des von Bismarck geschaffenen politischen Systems erhöhten. Diese Spannungen entluden sich in einem immer geräuschvolleren Nationalismus, der, zusammen mit Rassismus und Antisemitismus, ein verderbliches Vermächtnis für die Zukunft hinterlassen sollte.“

Richard J. Evans (Das Dritte Reich, Aufstieg)

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