Jugendbewegungen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts – Parallelen zu heute

In Deutschland gilt derjenige, der auf den Schmutz hinweist, für viel gefährlicher als derjenige, der den Schmutz macht.

— Kurt Tucholsky

Jugendbewegungen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts – Parallelen zu heute

„In den zehn Jahren vor Ausbruch des ersten Weltkrieges war Deutschland – am meisten fortgeschritten auf dem Weg zu bürokratischer Reglementierung – Zeuge des Aufkommens einer bislang unerhörten Erscheinung: der Jugendbewegung.

Ungestüme Banden unordentlicher Jungen und Mädchen schwänzten die Schule, um unter viel Lärm durchs Land zu ziehen. In bombastischen Worten verkündeten sie die Heilslehre eines goldenen Zeitalters. Alle vorangegangenen Generationen, betonten sie, waren schlicht und einfach schwachsinnig; ihre Unfähigkeit habe die Erde in eine Hölle verwandelt. Aber die nachkommende Generation sei nicht bereit, die Gerontokratie, die Herrschaft der unfähigen und schwachsinnigen Greisen, zu ertragen. Nun würden brilliante junge Leute herrschen. Sie würden alles zerstören, was alt und nutzlos, und alles ablehnen, was ihren Eltern lieb und teuer war. Sie würden neue, wirkliche und wesentliche Werte und Ideologien an die Stelle der veralteten und falschen der kapitalistischen und bürgerlichen Gesellschaft setzen, und sie würden eine neue Gesellschaft von Riesen und Übermenschen schaffen.

Das ausufernde Geschwätz dieser Jünglinge war nur eine armselige Maske für ihren Mangel an jeglichen Ideen und an jeglichem konkreten Programm. Sie hatten nichts zu sagen als dies: Wir sind jung und deshalb auserwählt; wir sind einfallsreich, weil wir jung sind; wir sind die Träger der Zukunft; wir sind die Todfeinde der verderbten Bürger und Spießer.

Und wenn jemand sich nicht scheute, sie nach ihren Plänen zu fragen, wußten sie nur eine Antwort: Unsere Führer werden alle Probleme regeln.

Es war immer die Aufgabe der neuen Generation, Veränderungen herbeizuführen. Doch die Jugendbewegung zeichnete sich dadurch aus, daß ihre Anhänger weder neue Ideen noch Pläne hatten. Sie nannten ihre Aktion gerade deshalb die Jugendbewegung, weil ihnen jegliches Programm fehlte, das ihren Bestrebungen einen Namen hätte geben können. In Wirklichkeit übernahmen sie voll und ganz das Programm ihrer Eltern. Sie stellten sich nicht dem Trend zu staatlicher Allmacht und Bürokratisierung entgegen. Ihr revolutionärer Radikalismus war nichts als die Flegelhaftigkeit der Jahre zwischen Kindheit und Erwachsenenalter; er war eine Erscheinung verlängerter Pubertät. Ihm fehlte jeglicher ideologische Inhalt.

Die Anführer der Jugendbewegung waren geistig unausgeglichene Neurotiker. Viele von ihnen litten unter krankhaftem Sexualverhalten, sie waren entweder liederlich oder homosexuell. Niemand von ihnen ragte in irgend einem Bereich heraus oder trug etwas zum menschlichen Fortschritt bei. Ihre Namen sind seit langem vergessen; als einzige Spur blieben einige Bücher und Gedichte, in denen sexuelle Perversion gepredigt wird. Die Masse ihrer Anhänger jedoch war anders. Sie hatten bloß ein Ziel: so schnell wie möglich eine Anstellung beim Staat zu finden. Jene, die nicht in Kriegen und Revolutionen getötet wurden, sind heute pedantische und furchtsame Bürokraten in den unzähligen Behörden der deutschen Zwangswirtschaft. Sie sind gehorsame und gläubige Sklaven Hitlers. Aber sie werden nicht weniger gehorsame und gläubige Gehilfen von Hitlers Nachfolger sein, ob er nun ein deutscher Nationalist sein wird oder eine Marionette Stalins.

Von Deutschland breitete sich die Jugendbewegung auf andere Länder aus. Der italienische Faschismus maskierte sich als eine Jugendbewegung….

Die Jugendbewegung war ein Ausdruck des Unbehagens, das junge Menschen angesichts der trübsinnigen Aussichten empfanden, die ihnen die allgemeine Neigung zur Reglementierung bot. Aber es war ein geheuchelter Aufstand und zum Scheitern verurteilt, weil er es nicht wagte, die wachsende Bedrohung des allumfassenden Staatszugriffs und des Totalitarismus ernsthaft zu bekämpfen. Die ungestümen Möchtegern-Meuterer waren machtlos, weil sie im Banne totalitären Aberglaubens standen. Sie labten sich an aufrührerischen Redensarten und sangen Hetzlieder, doch zu allererst wollten sie Stellen beim Staat.

Heute ist die Jugendbewegung tot in den Ländern, die auf dem Weg zum Totalitarismus am meisten fortgeschritten sind. In Rußland, in Deutschland und Italien sind die Kinder und Jugendlichen fest in den allumfassenden Staatsapparat integriert. Kinder im zartesten Alter sind Mitglieder der politischen Organisationen. Von der Wiege bis zum Grab sind alle Bürger der Maschine des Ein-Parteien-Systems unterworfen, zum Gehorsam verpflichtet, ohne Fragen zu stellen. Keine ‚privaten‘ Vereinigungen oder Zusammenkünfte sind erlaubt. Der offizielle Apparat duldet keinen Wettbewerb. Die offizielle Ideologie duldet keine abweichende Meinung. So sieht die Realität der bürokratischen Utopie aus.

Die Jugendbewegung war ein machtloser und mißglückter Aufstand der Jugend gegen die Bedrohung der Bürokratisierung. Sie war zum Scheitern verurteilt, weil sie nicht die Wurzel des Übels angriff – den Trend zur Verstaatlichung. Sie war in der Tat nichts als ein wirrer Ausdruck des Unbehagens, ohne klare Ideen und konkrete Pläne. Die revoltierenden Jugendlichen waren so vollständig im Banne sozialistischer Ideen, daß sie schlicht und einfach nicht wußten, was sie wollten.

Es ist offensichtlich, daß die Jugend das erste Opfer des Trends zur Bürokratisierung ist. Die jungen Leute sind jeglicher Möglichkeit beraubt, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Sie haben keinerlei Aussichten. Sie sind in der Tat ‚verlorene Generationen‘, denn sie entbehren das wertvollste Recht einer jeden nachkommenden Generation, das Recht, dem alten Bestand der Zivilisation etwas Neues hinzuzufügen. Das Schlagwort die Menschheit hat den Reifezustand erreicht, ist ihr Untergang. Was sind junge Menschen, denen nichts zu ändern und zu verbessern bleibt? Deren einzige Aussicht darin besteht, auf der untersten Sprosse der bürokratischen Leiter anzufangen und – unter strenger Beachtung der von älteren Vorgesetzten formulierten Regeln – langsam aufzusteigen? Von ihrem Standpunkt aus gesehen bedeutet Bürokratisierung die Unterwerfung der Jugend unter die Herrschaft der Alten. Dies kommt einer Rückkehr zum Kastensystem gleich.“

Ludwig von Mises (1944, Die Bürokratie)

Beitrag teilen

Suche

Was ist unsere Aufgabe

Adpunktum liefert täglich eine parteiunabhängige, kritische Nachrichtenübersicht aus Quellen, die wir für zuverlässig halten, www.adpunktum.de.

Ziel ist es, den Lesern ein breites Spektrum an Informationen zu übermitteln. Adpunktum gibt auch einen monatlich erscheinenden, kostenlosen Newsletter heraus.

Newsletter
Wenn Sie zusätzlich zum monatlichen Newsletter die Daily Headlines abonnieren möchten, klicken Sie auch noch das entsprechende Feld an.

Neueste Beiträge

Weitere links