So funktioniert unsere Wirtschaft – Teil 1

Diktaturen leben anfangs davon, dass man ihre Hieroglyphen nicht erkennt.

— Ernst Jünger

So funktioniert unsere Wirtschaft – Teil 1

Diese Artikelserie in vier Folgen soll Schülern, jungen Menschen und Erwachsenen, die sich noch nicht mit dem Thema ‚Wie funktioniert unsere Wirtschaft, wo kommt unser Wohlstand her‘ beschäftigt haben, einen leichten Einstieg in das Thema verschaffen und ein Grundwissen vermitteln. Mathematische Formeln gibt es keine und es muss nichts auswendig gelernt werden. Es geht primär darum, bestimmte grundlegende Zusammenhänge des menschlichen Handelns zu verstehen. Hierbei helfen geschichtliche Kenntnisse, zum Beispiel zur Herkunft des Geldes, wie ‚Märkte‘ entstanden sind und dass freiwilliger Tauschhandel einer der ältesten Formen sozialen Austauschs und Miteinanders ist.

“Die Kunst der Wirtschaftswissenschaften besteht darin, nicht nur die kurzfristigen Folgen, sondern vor allen Dingen die längerfristigen Wirkungen einer Maßnahme oder Vorgehensweise zu beachten, sie besteht auch darin, die Wirkungen der Maßnahmen nicht nur auf eine Interessengruppe, sondern auf alle Gruppen zu berücksichtigen.“

Henry Hazlitt

Einleitung

Thema dieser Artikelserie ist die Volkswirtschaftslehre und zwar die Lehre vom Funktionieren einer Volkswirtschaft. Die meisten Menschen werden sich vermutlich dahingehend einig sein, dass es das vorrangiges Ziel wirtschaftlichen Handelns sein sollte, die Versorgung der Bürger bestmöglich zu gestalten, und das Ganze mit möglichst wenig Arbeitseinsatz. Zu einem guten Lebensstandard gehört nämlich auch, dass man nicht rund um die Uhr arbeiten muss – Freizeit ist ein wertvolles Gut. Alles sollte sich letzten Endes um die Frage drehen: Wie können die besten Ergebnisse zum Wohle aller erreicht werden, wie der Lebensstandard für alle am stärksten angehoben werden?

Diese Fragestellung ist auch heute für uns sehr wichtig, denn wir dürfen unseren derzeitigen Lebensstandard nicht für selbstverständlich halten, nach dem Motto ‚der Strom kommt aus der Steckdose und die Regale sind voll‘. Das kann sich nämlich leider sehr schnell ändern. Allein ein längerer Stromausfall zum Beispiel könnte von einem Tag auf den anderen verheerende Folgen haben und eine falsche Wirtschaftspolitik kann mittel- bis langfristig den Wohlstand, an den wir uns gewöhnt haben, deutlich schmälern. Ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit ist, wie schnell auf einmal Toilettenpapier und auch andere Waren zu ‚Mangelwaren‘ wurden; und ein sehr spannendes Buch, das das beispielhaft verdeutlicht, ist der Roman ‚Blackout‘ von Marc Elsberg.

Saubere ökonomische Wissenschaft als Basis guter politischer Entscheidungen muss daran interessiert sein herauszufinden, wie die langfristigen Effekte von wirtschaftspolitischen Maßnahmen ausfallen und zwar für das ganze Land und alle Bürger. Es geht nicht um eventuelle kurzfristige positive Wirkungen staatlicher Maßnahmen für bestimmte Interessengruppen.

Zur Beruhigung ein paar einleitende Worte vorweg:

Um zu verstehen, wie „Wirtschaft“ im Großen und Ganzen funktioniert, muss man keine komplizierten mathematischen Formeln entwerfen und verstehen. Man muss primär das wirtschaftliche Geschehen aufmerksam beobachten, wirtschaftliche Zusammenhänge erkennen und daraus die richtigen Schlüsse ziehen. Das gilt insbesondere im Bereich der Volkswirtschaftslehre.

Bei der Betriebswirtschaftslehre, ist die Lage anders. Auf der Ebene einzelner Betriebe kann man auf den Cent genau berechnen, wie ein Gewinn oder ein Verlust zustande kommt, wie sich Veränderung der Ein- und Verkaufspreise und der Absatzzahlen auf das Betriebsergebnis auswirken etc.: Ertrag minus Aufwand ergibt den Gewinn.

In der Volkswirtschaftslehre, auch Nationalökonomie genannt, sind weder die einzelnen Aggregatgrößen, die gern in mathematischen Formeln auftauchen und zueinander ins Verhältnis gesetzt werden – Bruttosozialprodukt, Beschäftigung, Inflation, Preisniveau, Geldmenge, Umlaufgeschwindigkeit des Geldes -, überhaupt exakt messbar, noch stehen sie in einem genau definierten Bezugsverhältnis zueinander. Insofern eignen sie sich nicht dafür, Eingang in mathematische Formeln zu finden.

Die Volkswirtschaftslehre unterteilt man in die Bereiche Makroökonomie (das große Ganze) und Mikroökonomie (das Verhalten der einzelnen Wirtschaftssubjekte, einzelner Haushalte, Produzenten, Verbraucher, die Betrachtung einzelner Märkte).

In diesem Buch geht es nur um die Volkswirtschaftslehre – und wir kommen im Sinne der ‚Österreichischen Schule‘ ohne Formeln aus.

“In the field of praxeology and economics no sense can be given to the notion of measurement. In the hypothetical state of rigid conditions there are no changes to be measured. In the actual world of change there are no fixed points, dimensions, or relations which could serve as a standard.”

Ludwig von Mises

Mensch und Wirtschaft

Das Schaubild zeigt die Entwicklung unserer Erde. Menschen wie uns, den „Homo Sapiens“, gibt es auf der Erde erst seit vergleichsweise kurzer Zeit. Nämlich seit rund 700.000 Jahren – die Erde dagegen entstand bereits vor etwa 4000 Milliarden Jahren.

Die Wiege der Menschheit befindet sich in Ostafrika. Dort trennten sich vor etwa 5-6 Millionen Jahren die Entwicklungslinien von Affe und Mensch. Der aufrechte Gang war ein erster großer Entwicklungsschritt, der Mensch konnte so zum Beispiel die Hände viel besser einsetzen und hatte einen besseren ‚Weitblick‘. Vor etwa 2 Millionen Jahren machten sich einige der Urmenschen von dort auf den Weg nach Nordafrika, Europa und Asien und bevölkerten Schritt für Schritt die ganze Welt. Das war auch ohne Bootstechnik möglich, denn die Kontinente waren während besonderer Kälteperioden immer wieder durch Eisbrücken verbunden.

Dem körperlich vielen anderen Tieren deutlich unterlegenen Menschen gelang der Schritt an die Spitze der Nahrungskette anfangs vor allem deshalb, weil er vor etwa 1,7 Millionen lernte, das Feuer zu bändigen und für sich zu nutzen – als Licht- und Wärmequelle, zum Kochen und als Waffe. Über Brandrodungen richteten die Menschen schon vor Urzeiten massive Schäden an der Umwelt an und machten sich den Rest der Tierwelt Schritt für Schritt untertan. Vor etwa 70.000 Jahren begann beim Homo Sapiens eine ‚kognitive Revolution‘, möglicherweise ausgelöst durch eine zufällige Genmutation im Gehirn, die seine Denkfähigkeit deutlich erhöhte und in der Folge zu einem großen Evolutionsschub führte. Einen wesentlichen Beitrag zum Erfolg der Menschen trug dabei die Entwicklung der Sprache bei, die eine ausgefeilte Kommunikation möglich machte und auch zum Beispiel die Abstimmung und Umsetzung komplizierter Pläne. Erst über Sprache und Kommunikation und, darauf aufbauend, später ‚Ideologien‘ wurde es möglich, immer größere Gruppen oder Einheiten von Menschen zu steuern und zu beherrschen.

Den Neandertalern dagegen war die kognitive Revolution nicht vergönnt und sie starben bei der letzten Kälteperiode vor etwa 30.000 Jahren aus. Das zeigt, wie wichtig Denken, Erkenntnis, Kommunikation, Planung und die anschließende Umsetzung der Pläne für das Überleben und Fortkommen ist. Es geht dabei auch um die Frage, wer die Gruppe führen soll, wenn es ums Überleben geht: der Intelligenteste und / oder Erfahrenste oder der ‚Dussel‘.

Die Menschen waren zunächst als Jäger und Sammler in kleineren Gruppen unterwegs, die fast alles Lebensnotwendige für den Eigenbedarf selbst erjagten, sammelten oder produzierten. Geld kannten sie nicht. Güter und Dienstleistungen wurden in der Gruppe geteilt oder getauscht.

Auch als die Menschen vor etwa 11.000 Jahren sesshaft wurden und mit der Landwirtschaft begannen, änderte sich daran erst einmal wenig. Die Menschen lebten weiter in kleinen Gemeinschaften, die einzelnen Dörfer waren weitestgehend autark und das Wirtschaftsleben basierte überwiegend auf dem Tauschhandel von Gütern, Dienstleistungen und Gefälligkeiten sowie zu einem geringen Umfang auch auf Tauschhandel mit Fremden. Erste Handwerksberufe bildeten sich heraus, Schuhmacher, Schmiede, Ärzte.

Die Institutionen Privateigentum und Familie sind ungefähr zur Zeit der Sesshaftwerdung entstanden. Vorher waren Grund und Boden, Pflanzen und Tiere „Allgemeineigentum“.

„Der Gedanke, Nutzpflanzen zu setzen, die zu schützen und sie schließlich zu ernten, ist nicht naheliegend oder trivial, und es erfordert ein beachtliches Maß an Intelligenz, um diese Idee zu konzipieren. Weder ein Affe noch Australopithecus, Homo habilis oder Homo erectus, noch nicht einmal der frühe Homo sapiens ist jemals auf diesen Gedanken gekommen.“

Michael Hart

Nach und nach bildeten sich größere Einheiten menschlicher Organisationsformen. Städte entstanden und auch die ersten ‚Reiche“, die große Landstriche umfassten (Mesopotamien, Ägypter, Römer, Sumerer, Inkas….). Die Erfindung des Rades zum Beispiel führte zu einer deutlichen Verbesserung der Transportmöglichkeiten, der Transport von Gütern über weitere Strecken konnte effizienter bewältigt werden, Handelsbeziehungen wurden ausgeweitet. In den größeren Ballungseinheiten entstanden weitere Handwerks- oder Berufszweige, wie Schreiner, Bäcker, Friseure, Anwälte, Soldaten oder Priester. Mehr und mehr Güter und Dienstleistungen wurden getauscht.

Die Notwendigkeit, solche komplexeren Tauschbeziehungen effizient abzuwickeln, was über den direkten Tausch von vielen unterschiedlichen Gütern schwierig ist, führte zur Erfindung des Geldes, einem universellen Tauschmittel. Als Geld eignen sich Güter, die werthaltig sind, denen von allen Teilnehmern ein bestimmter Wert zugebilligt wird und die möglichst einfach zu transportieren und nicht verderblich sind. Alsbald kristallisierten sich daher Silber und Gold und darauf basierende Münzen als allseits anerkanntes Tauschmittel heraus.

Der Tausch von Gütern fand anfangs noch eher unorganisiert statt. In den Städten entstanden dann im Laufe der Zeit Marktplätze und Markthallen und für Wertpapiere und einige Waren gab es zum Beispiel ab dem 15. Jahrhundert organisierte ‚Börsen‘ (Gebäude, in denen der Handel stattfand, Beispiel Deutsche Börse in Frankfurt, New York Stock Exchange in U.S.A. u.v.a.m.). Heute gibt es darüber hinaus zahllose elektronische Markt- und Handelsplätze wie ebay, Amazon etc.

Bei freiwilligen Tauschhandlungen in einer freien Wirtschaft spricht man generell davon, dass diese ‚am Markt‘ stattfinden. Auf dem ‚Markt‘ bilden sich, basierend auf Angebot und Nachfrage, die Preise, zu denen die Handelstransaktionen stattfinden.

Getauscht werden, anders als vielfach angenommen, auch keine ‚gleichwertigen’ Güter, denn eine Transaktion findet nur statt, wenn sich jeder der Beteiligten einen Vorteil davon verspricht, also der Meinung ist, dass er oder sie weniger weggibt als er oder sie im Gegenzug erhält.

Zu einen großen Umbruch und einer starken Weiterentwicklung gerade in wirtschaftlicher Weise kam es über die Aufklärung, das Aufkommen des Liberalismus und darauf basierend der Industriellen Revolution um das Jahr 1800 herum – in der westlichen Welt endete das Agrarzeitalter und das industrielle Zeitalter, in dem wir heute noch leben, begann.

Was das für Änderungen mit sich brachte, sieht man zum Beispiel daran, dass am Ende des Agrarzeitalters (selbst in den am meisten entwickelten westlichen Ländern noch 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt war, heute sind es in Deutschland weniger als 2%.

Bis etwa zur selben Zeit das Pferd durch Auto und Lokomotive als Transportmittel abgelöst wurde, musste im Übrigen ein großer Teil der Getreideernte als Pferdefutter verwandt werden, was weiter dazu beitrug, dass die Ernährungssituation für viele Menschen prekär war.

Wirtschaftstheorien

Eine Wissenschaft, die ihren Namen rechtfertigt und Fortschritt für die Menschen bringen soll, muss sich ein Bild der Wirklichkeit verschaffen, darauf basierend belastbare Theorien entwickeln und diese laufend überprüfen und nötigenfalls korrigieren. In Bereichen wie Chemie und Physik kann man Theorien mit Experimenten überprüfen, im Bereich der Sozialwissenschaften ist das schwieriger, da man mit Menschen nicht so leicht experimentieren kann und zum Beispiel psychologische Faktoren nicht exakt vorherbestimmbar sind.

Wenn man die Welt aufmerksam und unvoreingenommen beobachtet, kann man Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten erkennen. Aus diesen Beobachtungen und Erkenntnissen können im nächsten Schritt Theorien entwickelt werden zur Erklärung der festgestellten Abläufe. Diese Theorien müssen anschließend fortlaufend kritisch hinterfragt, überprüft und gegebenenfalls angepasst oder weiterentwickelt werden. Ludwig von Mises bezeichnet diese Herangehensweise an das Forschungsthema im Bereich der Wirtschaftswissenschaft als „Praxeologie“, die Logik des menschlichen Handelns.

“The method of imaginary constructions is indispensable for praxeology; it is the only method of praxeological and economic inquiry. It is, to be sure, a method very difficult to handle because it can easily result in fallacious syllogisms. It leads along a sharp edge; on both sides yawns the chasm of absurdity and nonsense. Only merciless self-criticism can prevent a man from falling headlong into these abysmal depths.”

Ludwig von Mises (Human Action, Seite 238)

“Handeln ohne Denken, Praxis ohne Theorie sind unvorstellbar. Das Denken mag fehlerhaft, die Theorie mag falsch sein, doch Denken und Theorie können nie fehlen.“

Ludwig von Mises (Nationalökonomie, 1940)

Im Bereich der Landwirtschaft haben Generationen von Gärtnern und Landwirten die Natur beobachtet und dabei sehr viele Erkenntnisse über die Tier- und Pflanzenwelt gesammelt und über Witterungsverhältnisse in Abhängigkeit von den Jahreszeiten. Daraus konnten sie dann Prognosen über die Ernte ableiten oder Empfehlungen, wann am besten mit der Aussaat begonnen werden sollte. Diese Beobachtungen flossen unter anderem in die allseits bekannten lustigen „Bauernregeln“ ein.

So wenig aber wie die Bauernregeln immer stimmen, so wenig lassen sich allerdings auch  im wirtschaftlichen Bereich exakte Vorhersagen machen.

“Prognosen sind äußerst schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen”

Mark Twain

Umfassende wissenschaftliche Studien ökonomischer Phänomene entstanden zeitgleich mit der Entwicklung der heutigen modernen industriellen Wirtschaft. Einhergehend mit den Fortschritten bei Produktion, Kommunikation, Transport und Finanzwirtschaft entwickelte sich auch die Ökonomie als Wissenschaft weiter, neue Erkenntnisse wurden gewonnen und flossen in die Theorien ein. Umgekehrt wurden auf Basis der theoretischen Erkenntnisse die praktischen Abläufe kontinuierlich weiterentwickelt. Sowohl unser aktuelles Wirtschaftssystem, das zurecht oder zu Unrecht, als ‚Kapitalismus‘ bezeichnet wird, als auch die heute bekannten Ökonomischen Theorien sind allesamt erst im Gefolge der Industriellen Revolution entstanden.

Der Mensch verhält sich zwar auch unter ökonomischen Gesichtspunkten nicht immer strikt rational, aber seit Urzeiten war er tendenziell bestrebt seine Lebensumstände, heute würden wir ‚Lebensstandard‘ sagen, zu erhöhen. Trotzdem ist die weit verbreitete Annahme, dass der Mensch ein reiner ‚Nutzenmaximierer‘ ist, ein sogenannter ‚Homo Oeconomicus‘ nicht ganz richtig. Bei menschlichen Entscheidungen spielen immer auch andere Aspekte eine Rolle als der reine wirtschaftliche Nutzen.

Im Laufe der Zeit fing der Mensch an zu ‚sparen‘, um Güter zu einem späteren Zeitpunkt konsumieren oder um sie später teurer verkaufen zu können. Geld und Güter wurden verliehen, man tat sich zusammen, um gemeinsam effizienter zu produzieren. Große Denker der Geschichte, wie Platon und Aristoteles, beschäftigten sich bereits vor mehr als 2000 Jahren mit der ‚Wirtschaft‘ und Themen wie Arbeitsteilung, der Höhe von Mieten, ob Maschinen mal die Sklavenarbeit ersetzen könnten oder auch dem Unterschied von Tausch- und Gebrauchswert. Die Arbeitsteilung ist einer der wesentlichen Faktoren, um die Produktivität der Menschen zu erhöhen.

Der Absolutismus löste in Europa im 16. und 17. Jahrhundert den Feudalismus des Mittelalters ab, in dem der Monarch seine Macht noch mit dem Adel teilen musste

Das Aufkommen der absolutistischen Monarchien führte auch dazu, dass die Wirtschaft des Landes weitgehend durch den Staat kontrolliert und gesteuert wurde. Das Wirtschaftssystem des Absolutismus nennt man den „Merkantilismus“. Der Merkantilismus, der primär den Interessen der Herrschenden diente, hatte allerdings katastrophale wirtschaftliche Folgen für die Bevölkerung. Deren schlechte wirtschaftliche Lage war einer der Gründe, die zur französischen Revolution führten.

Die Misere der Bevölkerung, das Aufkommen der „Aufklärung“ (etwa ab 1650) und in dem Zuge auch die Wiederentdeckung der Lehren und Werke der alten griechischen Meister (Platon, Aristoteles) führten schließlich zum Aufkommen des Liberalismus. In Frankreich entstand im Vorfeld noch die ‚physiokratische Schule‘, deren Lehren vor allen Dingen in England auf fruchtbaren Boden fielen. Aus dieser Zeit stammt das geflügelte Wort des ‚Laissez faire‘, das meistens mit der liberalen Wirtschaftstheorie in Verbindung gebracht wird und das bedeutet, dass der Staat sich möglichst nicht in die Wirtschaft einmischen soll.

‚Laissez–faire, laissez–passer, le monde va de lui-même!‘

Vincent de Gournay (1751, ‚Physiokratie‘)

Die ersten bekannten umfassenden wirtschaftswissenschaftlichen Theorien entstanden dann im Zuge der industriellen Revolution in England, durch die sogenannten „Klassiker“, von denen Adam Smith (1723-1790) und David Ricardo (1772-18239 die bekanntesten sind. Sie beobachteten die wirtschaftliche Entwicklung und versuchten Erklärungen zu finden und Gesetzmäßigkeiten zu ergründen für Phänomene wie Konjunkturzyklen und Krisen, Arbeitslosigkeit, oder auch die Entstehung und die Wirkung von Monopolen. Ihre Theorien bauten auch auf einer Kritik des Merkantilismus auf, des bis dahin vorherrschenden Dogmas, denn von einer sauberen wissenschaftlichen theoretischen Begründung auf Basis sorgfältiger Analysen des Verhaltens aller Teilnehmer des Wirtschaftszyklus kann man beim Merkantilismus noch nicht sprechen.

Dass sich die Klassiker, trotz solider „Grundlagenforschung“ und guten,, zum Teil auch heute noch gültigen Denkansätzen, langfristig nicht durchsetzen konnten, liegt daran, dass manche der behaupteten „Gesetzmäßigkeiten‘ nicht zutrafen, dass der propagierte bedingungslose Freihandel für die damals weniger entwickelten Wirtschaftsnationen wie Deutschland und USA nicht nur Vorteile hatte, aber vor allem deshalb, weil sie ihre Sache schlecht ‚vermarkteten‘. Ihren Gegnern gelang es mit viel Propaganda und der Unterstützung vieler ‚Intellektueller‘, die Tatsachen zu verdrehen und den Liberalismus in einem sehr schlechten Licht darzustellen. Obwohl auch gerade die Arbeiter und unteren Klassen sehr stark von dem vom Kapitalismus ausgelösten Wohlstandsanstieg im Rahmen der Industriellen Revolution profitierten, gelang es den Gegnern der freien Marktwirtschaft, der Bevölkerung vorzugaukeln, dass der Kapitalismus nur den Interessen der Reichen (Kapitalisten) dienen würde und schlecht für die Massen sei, die zunehmend ‚verelenden‘ würden. In Wirklichkeit – auch wenn es den Massen aus heutiger Perspektive wahrlich noch nicht so richtig gut ging und vieles im Argen lag – hatten die Arbeiter ein deutlich besseres Versorgungsniveau als in den Jahren zuvor und vor allen Dingen auch verglichen mit ihrer Lage im Agrarzeitalter (noch im 19. Jahrhundert gab es zum Beispiel auch in Europa einige Hungersnöte mit vielen Toten).

Zu den aufkommenden Gegnern des Kapitalismus gehörten der ‚nationalistische Protektionismus‘ und der Sozialismus in seinen verschiedenen Ausprägungen -wie dem ‚wissenschaftlichen Sozialismus‘ von Karl Marx und Friedrich Engels und der ‚Historischen Schule‘ des Gustav von Schmoller. Allen gemeinsam ist diesen die Staatsgläubigkeit auf der einen und Misstrauen in die Entscheidungen der Individuen auf der anderen Seite sowie nationalistische Tendenzen und sozialistisches Gedankengut. Alle gemeinsam kann man als ‚Neomerkantilismus‘ bezeichnen. Die moderne merkantilistische Version ist der Keynesianismus, oder heute die Modern Monetary Theory (MMT).

Während der Liberalismus mit dem Grundgedanken des freien Handels, der bestmöglichen Verfolgung der wirtschaftlichen Interessen der Bürger und einem vergleichsweise schwachen Staat tendenziell friedensstiftend wirkt, ist eine Wirtschaftsideologie, die die nationalistischen Interessen eines starken Staates in den Vordergrund stellt, eher konfliktfördernd. Der Neomerkantilismus begann im Deutschland Bismarcks und schwappte von da nach England, USA, Frankreich und in andere Länder über.

Liberale führen den Ausbruch der beiden Weltkriege, die jeweils die internationale Arbeitsteilung weitgehend zerstörten, auch auf die zunehmend nationalistische Wirtschaftspolitik der Länder zurück.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam mit den sogenannten „Neoklassikern“ eine weitere interventionistische Wirtschaftstheorie auf, quasi als Synthese aus Keynesianismus und verschiedenen Gleichgewichtstheorien (Alfred Marshall und Leon Walras). Im Ergebnis propagiert auch diese Theorie staatliche Einflussnahme, um Nachfrage zu generieren und damit Vollbeschäftigung anzustreben.

Bei den ganzen verschiedenen Wirtschaftstheorien geht es letztlich um zwei wesentliche Denkrichtungen, die zwei unterschiedliche Gesellschaftsmodelle und Wirtschaftssysteme favorisieren und jeweils „wissenschaftlich“ bzw. theoretisch zu rechtfertigen versuchen:

Auf der einen Seite der ‚Sozialismus‘, verbunden mit Planwirtschaft, Zentralplanung, Interventionismus und einem starken Staat.

Auf der anderen Seite der ‚Kapitalismus‘ auch liberale, ‚freie Marktwirtschaft‘ genannt, verbunden mit der Idee eines schlanken Staats, der nur den rechtlichen Ordnungsrahmen setzt und sich ansonsten auf seine Kernaufgaben konzentriert: Sicherheit nach außen und innen, Justiz, Infrastruktur.

Bildung zum Beispiel kann auch sehr gut oder sogar besser privat organisiert werden. Hierbei ist allerdings dafür zu sorgen, dass alle Kinder einen Zugang zu guter Bildung haben müssen. Dies kann zum Beispiel privat über Stipendien erfolgen, über Steuererleichterungen und übergangsweise auch mittels staatlicher Unterstützung erfolgen.

„Üble Missstände zu erzeugen und dann anderen die Schuld zuzuweisen, ist geradezu das Wesen der Politik.“

Gary Galles (‚Greedy Bastard Economics‘).

“Democracy is based on Abraham Lincoln‘s principle, that you can fool all the people some of the time, and some people all the time, but you cannot fool all the people all of the time.

If a government is corrupt and fails to improve people‘s lives, enough citizens will eventually realize this and replace the government. But government control of the media undermines Lincoln‘s logic, because it prevents citizens from realizing the truth.”

Yuval Noah Harari

Die Österreichische Schule

Die Österreichische Schule geht auf Carl Menger (1851-1914) zurück, der etwa ab dem Jahr 1870 daran arbeitete, die Ökonomie wissenschaftlich weiter zu untermauern.

Ökonomie, als Lehre vom wirtschaftlichen Handeln der Menschen mit dem Ziel, ihre Bedürfnisse bestmöglich zu befriedigen, kann keine exakte Wissenschaft sein, anders als Chemie oder Biologie oder Physik, wo man mit Experimenten Ergebnisse erzielen kann.

Bei der Ökonomie aus Sicht der Österreichischen Schule geht es darum, Erkenntnisse aus dem Studium des menschlichen ökonomischen Handels abzuleiten, zunächst einmal unabhängig von philosophischen oder moralischen Fragen und auch unabhängig von Geschichte, Geographie und Politik und sonstigen exogenen Faktoren. Ökonomie soll beschreibend sein und nicht wertend.

Eine grundlegende Aussage sowohl der ‚Klassiker‘ als auch der ‚Österreicher‘ ist, dass die Preise das wesentliche Instrument für die richtige Steuerung der Wirtschaft sind – und zwar die Preise, die sich an einem freien Markt über Angebot und Nachfrage bestimmen. Ohne die Informationen, die die Preise liefern, lassen sich keine guten ökonomischen Entscheidungen treffen. Eine ökonomische Wirtschaftsrechnung ohne Preise ist praktisch nicht möglich. Zu den Preisen gehört auch der Zins. Die Österreichische Schule basiert auf einer guten Analyse der Realität und ihre Schlussfolgerungen und Aussagen gelten als vernünftig.

Dass es in einer Planwirtschaft keine ‚Marktpreise‘ gibt, ist das Hauptproblem aller sozialistischen Länder. Primär daran sind bisher alle sozialistischen Experimente gescheitert, und eine Lösung ist nicht in Sicht.

Neben Carl Menger sind Ludwig von Mises (1881-1973), Eugen Böhm von Bawerk (1851-1914) und Friedrich von Hayek (1899-1992) die bekanntesten Persönlichkeiten der Österreichischen Schule.

Keynesianismus

Der Keynesianismus ist seit fast 100 Jahren die wirkmächtigste Wirtschaftsideologie in der westlichen Welt – und das, obwohl sie ‚handwerklich‘ schlecht gemacht ist, auf vielen falschen Annahmen beruht und in der Realität bereits widerlegt wurde.

‚Keynesianismus‘ ist eine extrem staatsorientierte, sozialistisch-merkantilistische Wirtschaftsideologie, die dem Staat eine zentrale Rolle im Wirtschaftsleben zuschreibt – mit entsprechend viel Macht und Einfluss für Politik und Bürokratie. Und genau darin liegt auch die Ursache begründet für seinen dominierenden Einfluss in der westlichen Welt: Politiker und Bürokraten lieben Macht, Einfluss und Zugriff auf die Geldtöpfe eines Landes. Und Keynes liefert ihnen dafür die „wissenschaftliche“ Rechtfertigung.

Der Keynesianismus geht auf das 1936 im Zeichen der Weltwirtschaftskrise veröffentlichte Buch von John Maynard Keynes zurück „The General Theory of Employment, Interest, and Money“.

Wie wir später sehen werden, ist die Weltwirtschaftskrise letztlich mehr oder weniger genau durch die Maßnahmen und staatlichen Einflussnahmen entstanden und in ihrer Dauer verstärkt worden, die Keynes später zur Bewältigung der Probleme vorschlägt.

“If the Treasury were to fill old bottles with banknotes, bury them at suitable depths in disused coalmines which are then filled up to the surface with town rubbish, and leave it to private enterprise on well-tried principles of laissez-faire to dig the notes up again…there need be no more unemployment and, with the help of the repercussions, the real income of the community, and its capital wealth also, would probably become a good deal greater than it actually is. It would, indeed, be more sensible to build houses and the like; but if there are political and practical difficulties in the way of this, the above would be better than nothing.”

John Maynard Keynes (General Theory, 1936, p. 68)

Wirtschafts- und Finanzkrisen

Von der Panik von 1819 über die Weltwirtschaftskrise 1929 (The ‚Great Depression‘) und die „Sub-Prime“-Krise 2008 bis hin zur Corona-Krise des Jahres 2020.

Allen nachfolgend geschilderten größeren Krisen ist gemein, dass ihre Ursachen in einer lockeren Geldpolitik liegen.

Die Panik von 1819: Die im Jahr 1791 gegen viele verfassungsrechtliche Bedenken neu geschaffene US-Zentralbank „Bank of United States“ und ihr Nachfolger im Jahr 1816, die „Second Bank of United States“ sorgten zusammen mit den Geschäftsbanken für eine starke Ausweitung der Geldmenge durch die Ausgabe von ungedeckten Banknoten sowie Krediten. Die Folge war zunächst eine Boomphase mit vielen spekulativen Investitionsvorhaben, die unter normalen Umständen nicht rentabel zu betreiben sind. Als die Zufuhr frischen Geldes und die Kreditausweitung endete, kam es zu einer scharfen Rezession mit vielen Insolvenzen und einer hohen Arbeitslosigkeit.

Die Krise von 1825 war eine überwiegend englische Krise. Auch sie wiederum ausgelöst durch eine enorme Kreditausweitung für Investitionen in der Textilindustrie und in Eisenbahnen. Die folgende Depression endete erst im Jahr 1832.

In Großbritannien, Frankreich und den USA kam es ab 1840 erneut zu Kreditausweitungen, insbesondere zur Finanzierung von Eisenbahngesellschaften. Viele Anleger spekulierten auf Kredit mit Eisenbahnaktien. Als die Aktien ab 1846 zu fallen begannen, kamen viele Investoren in Schwierigkeiten, was zu weiterem Verkaufsdruck führte. Die Kurse stürzten ab, die Spekulationsblase platzte. Die Folge war eine größere Wirtschaftskrise mit hoher Arbeitslosigkeit.

Schlechte Ernten in mehreren europäischen Ländern (Kartoffelfäule, schlechte Weizenernte) in den Jahren 1845 und 1846 verschärften die Krise noch; bei Hungersnöten starben etwa 2 Millionen Menschen.

Auch im Jahr 1857 gab es eine ernste Krise, die sich, ausgelöst in New York über den ganzen Globus ausbreitete, Banken und Unternehmen in die Pleite riss und Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz kostete. Auch diese Krise wurde als „Weltwirtschaftskrise“ bezeichnet. Ausgelöst wurde sie durch einen Spekulationsboom und unter anderem durch den Zufluss von viel spekulativem Geld aus Europa verbunden mit einer Kreditausweitung im Inland.

Auch der Krise von 1866 ging eine Kreditausweitung ab dem Jahr 1861 durch englische, französische und spanische Banken voraus, die zu einem kräftigen Preisanstieg geführt hatte. Der Spekulationswelle folgte auch hier eine Geldklemme, es kam zu spektakulären Bankzusammenbrüchen, eine Depression mit hoher Arbeitslosigkeit setzte ein.

Der Hauptschauplatz der Krise von 1873 waren die jungen kapitalistischen Länder Deutschland, Österreich-Ungarn und die USA aber auch zahlreiche andere Länder waren betroffen. Nach dem im Jahr 1871 gewonnenen Krieg gegen Frankreich und der Reichsgründung war in Deutschland eine spekulative Gründerperiode ausgebrochen, noch verstärkt durch den Geldzufluss aus Frankreich (hohe Reparationszahlungen) und eine Kreditausweitung. In USA hatte 1865 der Sezessionskrieg geendet, der mit einer großen Kreditexpansion einherging. Im Mai 1873 begann in Europa die Krise, im Folgejahr auch in den USA. Wieder waren Bankzusammenbrüche die Folge und eine wirtschaftliche Depression, die in Deutschland in den Jahren 1878/1879 ihren Tiefpunkt hatte. Frankreich hingegen hatte sich dieses Mal nicht an der Kreditausweitung beteiligt – nicht zuletzt wegen des 1871 verlorenen Kriegs gegen Deutschland – und blieb von der Krise weitgehend verschont.

Ab 1878 wurden in den USA und in Frankreich die Kredite wieder kräftig ausgeweitet. Investiert, auf Basis einer starken Darlehensvergabe an die Industrie und der Ausgabe neuer Aktien, wurde vor allen Dingen in neue Produktionstechniken und das Verkehrswesen (eiserne Dampfschiffe z.B.). Die Krise von 1882 begann in Frankreich mit dem Zusammenbruch der Bank Union Générale, in den USA brachen mehr als 400 Banken zusammen.

Schwerpunkt der Krise von 1890 bis 1892 war Südamerika. Vorangegangen war erneut eine weltweite Kreditexpansion. Die Folge waren wieder Unternehmens- und Börsenzusammenbrüche verbunden mit Arbeitslosigkeit und Depression.

Bereits ab 1896 wurde die Kreditausweitung erneut angekurbelt. Die neuerliche Krise, die vor allen Dingen die USA betraf, begann im Jahr 1907, viele Banken brachen in den USA zusammen.

Der Krise von 1907 versuchte man durch eine neuerliche Kreditausweitung zu begegnen, was im Jahr 1913 die nächste Krise auslöste, die dann durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrochen wurde.

Im Jahr 1913 wurde die US Zentralbank FED gegründet. Nach der Gründung der Zentralbank mit ihren erweiterten Möglichkeiten des Gelddruckens erhielten die Krisen eine neue Dimension.

Die Inflationierung der US-Geldmenge durch den damaligen US-Präsidenten Woodrow Wilson (1913-1921) führte im Jahr 1920 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zur nächsten Krise. Der neue Präsident Warren G. Harding (1921-1923) vertraute auf die Marktwirtschaft und untersagte FED-Interventionen. Die Wirtschaft erholte sich von sich aus innerhalb weniger Monate und die Rezession war schnell überwunden.

Die Weltwirtschaftskrise begann im Jahr 1929 nach einem mehrjährigen Boom, der von einer enormen Börsenhausse begleitet war. Die sogenannten ‚Goldenen Zwanziger Jahre‘ hatten viele technische Neuerungen und Produktivitätsfortschritte gebracht, die bei einer gleichbleibenden oder natürlich steigenden Geldmenge in diesen Jahren zu fallenden Preisen für Güter und Dienstleistungen hätten führen müssen. Zu fallenden Preisen kam es aber nicht, weil die FED und auch andere Zentralbanken die Geldmenge massiv inflationierten und damit eine enorme Börsenhausse befeuerten. Die dann folgende Krise hatte hinsichtlich Dauer und Ausmaß eine bis dato unbekannte Dimension und prägte so das Denken der Menschen für lange Zeit.

Über die Gründe für die im Jahr 1929 beginnende katastrophale Entwicklung gibt es die unterschiedlichsten Ansichten. Auf jeden Fall gilt wohl auch für diesen riesigen Crash, dass je größer die vorangegangene Boom-Phase ist, desto größer auch die darauffolgende ‚Bust-Phase‘ ausfällt.

In der Realwirtschaft kam es in der damaligen Zeit ohnehin zu größeren Umbrüchen, die sicher auch ohne vorangegangenen Boom zu einigen Pleiten und vorübergehender Arbeitslosigkeit geführt hätten: in der Landwirtschaft zum Beispiel wurden durch den Einsatz neuer Maschinen viele Arbeitskräfte freigesetzt.

Allerdings hatten sich auch die Vereinigten Staaten von Amerika bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts – wie auch alle anderen westlichen Staaten – mehr und mehr interventionistisch und wohlfahrtsstaatlich verhalten. Die Staatsquote stieg prozentual beträchtlich an, im Jahr 1913 wurde eine bundesstaatliche Einkommenssteuer eingeführt und mit der Einrichtung der Zentralbank (Federal Reserve System ‚FED‘) im selben Jahr und dem damit einhergehenden staatlichen Geldmonopol wurden die Schleusen zu einer seitdem stetig steigenden Staatsverschulung und Geld- und Kreditausweitung geöffnet. Unterbrochen, wie oben angeführt, wurde dies nur durch eine kurze marktwirtschaftlich stringente Phase in USA unter Präsident Harding.

Nachdem die US-Wirtschaft im Jahr 1924 einen Einbruch verzeichnet hatte, löste die FED in Kooperation mit dem Geschäftsbankensystem eine massive Kreditexpansion aus. 1927 wurde dann eine weitere Inflationswelle ausgelöst, so dass die umlaufende Geldmenge zwischen 1924 und 1929 insgesamt um etwa 25% anstieg. Industrie, Finanzsektor und Staat verschuldeten sich kräftig weiter, Aktien- und Immobilienpreise stiegen massiv an.

Inflation und Kreditexpansion bewirken aber immer Fehlanpassungen und Fehlinvestitionen in der Wirtschaft, die früher oder später wieder bereinigt werden müssen – was im Jahr 1929 begann.

Anstatt, wie im Jahr 1920, das Feld den Marktkräften zu überlassen, um die Verwerfungen möglichst effizient zu bereinigen, mischte sich die Staatsmacht unter Präsident Herbert Clark Hoover (1929-1933) immer stärker in das Marktgeschehen ein. Über Steuererhöhungen, Zölle, Zinsmanipulationen, einer expansiven Geldpolitik und sonstigen interventionistischen Eingriffen wurde die Krise verstärkt und verlängert.

Seit 1929 kam es zu verschiedenen weiteren ernsten Wirtschaftskrisen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten alle westlichen Länder für einige Zeit ein ansehnliches Wirtschaftswachstum und geringe Arbeitslosigkeit vorzuweisen. Mit Unterstützung des 1948 eingeführten amerikanischen Marshall-Plans (European Recovery Program, ‚ERP‘) wurde die daniederliegende Wirtschaft der europäischen Länder kräftig angekurbelt. In Deutschland sprach man von dem „Wirtschaftswunder“, das primär dem damaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (1897-1977) zu verdanken ist, einem Anhänger der Österreichischen Schule. Ludwig Erhard veranlasste 1946 parallel zur Währungsreform, dass die meisten staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft, wie Preiskontrollen, abgeschafft wurden.

Über großes Wirtschaftswachstum bei gleichzeitig relativ niedrigen Zinsen gelang es den westlichen Ländern zunächst, ihre kriegsbedingt sehr hohe Staatsverschuldung deutlich zu senken. Allerdings führte das Wirtschaftswachstum dazu, dass die Staaten den Wohlstand mehr und mehr umverteilen wollten, die Steuern und Staatsquoten stiegen laufend weiter an.

Die Freude wurde durch die Ölkrise 1973 erstmals nachhaltig gedämpft. Zur Zeit des Jom-Kippur-Krieges der Araber gegen Israel begann die arabische Erdölorganisation OPEC mit einer Ölverknappung, die den für die westlichen Industriestaaten wichtigen Rohstoff Rohöl in kurzer Zeit massiv verteuerte. Allein im Oktober 1973 stieg der Ölpreis um 70% und innerhalb eines Jahres verdreifachte sich der Preis. Die Folge war eine massive Wirtschaftskrise in den westlichen Ländern.

Im Jahr 1981 kam es zur US-Sparkassenkrise (Savings and Loan Crisis). Staatliche Eingriffe und Maßnahmen sowie die Niedrigzinspolitik der Zentralbank und steigende Immobilienpreise hatten die Sparkassen zu riskanten Finanzierungsgeschäften verleitet. Als diese zu großen Verlusten führten, musste der gesamte Sektor vom Staat auf Kosten der Steuerzahler gerettet werden.

Am 19. Oktober 1987, „Schwarzer Montag“ genannt in Anlehnung an die Bezeichnung „Schwarzer Donnerstag“ für den Tag des New Yorker Börsencrashs vom 24. Oktober 1929, der die Weltwirtschaftskrise einleitete, kam es zu dem bislang größten Börsen-Crash der Nachkriegszeit: der amerikanische Aktienindex „Dow-Jones“ verlor innerhalb von Stunden fast ein Viertel seines Wertes. Auslöser waren steigende Zinsen und ein hohes Handelsdefizit, aber vor allen Dingen ein massiver Kursanstieg in den vorangegangenen Monaten, der die Bewertung der Aktien zu stark nach oben getrieben hatte. Kursanstiege und Boomphasen, die durch leichtes Geld ausgelöst werden, enden in der Regel recht abrupt sobald der Zufluss frischen Geldes versiegt oder aber die Zinsen zur Eindämmung inflationärer Effekte erhöht werden.

„Für Börsenspekulationen ist der Februar einer der gefährlichsten Monate. Die anderen sind Juli, Januar, September, April, November, Mai, März, Juni, Dezember, August und Oktober.“

(Mark Twain)

Wenn Krisen sich nicht ‚auf natürlichem Wege‘, das heißt ohne staatliche Einflüsse bereinigen und im Gegenteil die Krise erneut mit frischem Geld bekämpft wird, kann es kurzzeitig zu einer Verbesserung kommen – allerdings wird dadurch die Saat für die nächst größere Krise gelegt.

Seit 1990 hält die Japan-Krise das Land im Bann. Auslöser waren auch hier künstlich niedrige Zinsen, die zu einem großen Spekulationsboom führten mit stark steigenden Aktien und Immobilienpreisen. Als die Zinspolitik im Jahr 1989 restriktiver wurde, um den Spekulationsexzess einzudämmen, brach das Kartenhaus zusammen – und die Krise hält auch heute noch an. Der japanische Aktienindex Nikkei steht im Jahr 2020 nur bei etwa der Hälfte seines Wertes im Jahr 1989.

Im Jahr 1994/1995 folgte die „Tequila-Krise“ in Mexico, im Jahr 1997/1998 die Finanz- Währungs- und Wirtschaftskrise in Ostasien („Asienkrise“).

Im März 2000 platzte die „Dot-Com“-Börsenblase. Hier verloren zwar viele Anleger Geld und einige Firmen gingen Pleite, die Auswirkungen für die Realwirtschaft hielten sich allerdings in Grenzen. Der deutsche Aktienindex DAX fiel von seinen Höchstständen im März 2000 bis zum Jahr 2003 um über 70%. Im Vorfeld waren Aktien aus dem Bereich ‚New Economy‘ primär mit Bezug zum Internet massiv gestiegen, Firmen, die noch nie einen Cent Gewinn gemacht hatten, wurden auf Basis illusorischer Gewinnerwartungen mit Milliarden bewertet. An der Börse wurde das entsprechende Marktsegment, der Neue Markt, im Jahr 2003 komplett aufgelöst. Die Verluste am ‚Neuen Markt‘ vom Höchststand im März 2000 beliefen sich zum Schluss auf etwa 95%.

Im Jahr 2007 beginnt die Weltfinanzkrise (auch „Sub-Prime-Krise“ genannt), in der wir uns letztlich an sich auch heute noch befinden. Auch hier waren im Vorfeld die Immobilienpreise und Börsenkurse stark gestiegen, auch wieder einmal stark beeinflusst durch staatliche Eingriffe. Nach dem Platzen der Dot-Com-Blase und den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hatte die amerikanische Zentralbank eine sehr expansive Geldpolitik betrieben und diese auch längere Zeit nicht beendet, obwohl die US-Wirtschaft bereits wieder ordentlich wuchs, und zwar weil die Arbeitslosigkeit trotz Wirtschaftswachstum hoch blieb; es wurden nur wenige neue Jobs geschaffen. Kapitalzuflüsse aus dem Ausland hatten den Preisanstieg bei Immobilien und Aktien weiter verstärkt, eine neue Spekulationsblase war die Folge. Und wie jede Blase, platzte auch diese irgendwann.

Weiterhin hatte der Staat im Vorfeld mit gesetzlichen Regelungen die Banken auch gezwungen, Immobilienkredite an nicht-kreditwürdige Immobilienkäufer für Schrottimmobilien zu vergeben. Die Ratingagenturen (unter anderem Standard & Poors, Moodys und Fitch), bewerteten problematische Pakete von Schrottimmobilienkrediten mit Bestnoten und viele institutionelle Anleger – besonders auch aus Deutschland – hatten die wertlosen Kredite in Milliardenhöhe gekauft.

Als erste ernstere Zweifel an der Nachhaltigkeit der Immobilienbewertungen aufkamen, brachen die Kurse der involvierten Banken ein und viele gingen Pleite beziehungsweise mussten mit viel staatlichem Geld (Steuergeld!) gerettet werden. Ihren Höhepunkt hatte die Krise am 15. September 2008 als die große amerikanische Investmentbank Lehman Brothers zusammenbrach. Kurzzeitig bestand sogar die Gefahr des Zusammenbruchs des gesamten globalen Banksystems. Um das zu verhindern, versorgten die Staaten das Finanzsystem mit gigantischen Geldsummen, was dazu führte, dass die ohnehin schon hohe Staatsverschuldung so stark anstieg, dass deren Bonität sank und einige Staaten selbst vor der Pleite standen. Sogenannte ‚systemrelevante‘ Firmen wurden mit Steuergeldern gerettet, in Deutschland zum Beispiel die Commerzbank – man sprach von ‚too big to fail‘. Aufgrund der Tatsache, dass diese Firmen in den guten Zeiten ihre Gewinne in Form von Dividenden an die Eigentümer ausgeschüttet hatten, jetzt aber der Steuerzahler zu ihrer Rettung einspringen musste – ‚Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren‘ – spricht man bei einer solchen Situation von ‚moral hazard‘.

Weltweit beliefen sich die Wertpapierverluste infolge der Krise auf etwa 4 Billionen US-Dollar. Der DAX zum Beispiel fiel um etwas über 50% von etwa 8000 Ende 2007 auf 3700 im März 2009.

Die Finanzkrise schlug auch auf die Realwirtschaft durch, auch viele große Unternehmen, wie zum Beispiel General Motors, mussten Insolvenz anmelden.

Um die Folgen der Krise zu mildern, hielten die Zentralbanken in den kommenden Jahren die Zinsen erneut künstlich niedrig – zusätzlich zu der enormen Menge an frischem Geld, das sie in die Märkte pumpten.

In Europa schloss sich die im Jahr 2009 beginnende ‚Eurokrise’ nahtlos an, die auch bis heute noch nicht gelöst ist. Auslöser der Krise war die Erkenntnis, dass Griechenland mehr oder weniger Pleite war. Griechenland hatte über Jahre die eigenen Verschuldungszahlen gefälscht und bereits die Aufnahme in den Euro hatte sich Griechenland mit sehr kreativen Buchungen erschlichen. Bei der Eurokrise kommen insofern Aspekte einer Staatsschuldenkrise, einer Bankenkrise und einer Finanzkrise zusammen.

Im Frühjahr 2010 erklärt Griechenland, dass es seinen Zahlungsverpflichtungen ohne Hilfe der EU nicht mehr nachkommen könne, dann folgt im Herbst Irland. Die EU-Kommission schätzte, dass die EU-Mitgliedsländer 2010 neue Schulden von rund 870 Milliarden Euro anhäufen werden. Als im Jahr 2011 Spanien und Italien in Schwierigkeiten geraten, verschärft sich die Krise weiter.

Die Probleme im Euroraum gehen auf die Einführung der gemeinsamen europäischen Währung EURO zurück, die im Januar 1999 eingeführt wurde. Von vielen Fachleuten wurde bereits im Vorfeld vor der Euroeinführung in Ländern gewarnt, die international weniger konkurrenzfähig sind als andere Euro-Teilnehmer, da Länder wie Italien, Spanien, Portugal, Griechenland aber auch in gewissen Maßen Frankreich ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit in früheren Jahren nur dadurch erhalten konnten, indem sie ihre eigenen nationalen Währungen ständig abwertenden – was bei einer einheitlichen Währung nicht mehr möglich ist. Seitdem steht die Frage eines Auseinanderbrechens des Euro im Raum. Alternativ auch der Ausschluss von Griechenland aus dem Euro.

„Ich glaube, dass die Einführung des Euro den gegenteiligen Effekt haben wird. Sie wird politische Spannungen verschärfen, indem sie divergente Schocks, die durch Änderung der Wechselkurse leicht hätten gemildert werden können, zu umstrittenen politischen Themen macht.“

Milton Friedman

„Während die Lohnstückkosten – also die Lohnkostenvorteile im Verhältnis zur Arbeitsproduktivität – zwischen 2000 und 2007 in Griechenland (128,6%), Spanien (127,7%), Italien (123,6%), Portugal (122,3%) und Irland (133,6%) in den Himmel schossen, blieben sie in Deutschland erst konstant und sanken ab 2004 sogar.“

Wolfgang Steiger und Simon Steinbrück

Im Jahr 2011 weitete sich die Eurokrise zu einer ausgewachsenen „Weltfinanzkrise“ aus. Am

der 8. August 2011 entzog die Ratingagentur Standard & Poors (S+P) den U.S.A. die Ratingbestnote AAA. Die Folge war ein massiver Kurseinbruch. Der 8. August 2011 wird „Schwarzer Montag“ genannt.

In der Folge stieg die globale Staatsverschuldung kräftig weiter an, die Zinsen wurden weiter künstlich niedrig gehalten und die Börsen haussierten weiter.

Bis Anfang des Jahres 2020 die ‚Corona-Krise‘ begann. Ausgelöst wurde sie durch eine aus China kommende Virus-Epidemie oder ‚Pandemie‘, in deren Folge die meisten Regierungen weltweit die heimische Wirtschaft praktisch von einem auf den anderen Tag über angeordnete ‚Lock-Down‘-Maßnahmen massiv drosselten und viele Firmen in den Ruin trieben. Inzwischen (Mitte Juni 2020) ist die Arbeitslosigkeit in Amerika fast so hoch wie in der Weltwirtschaftskrise. Um die Pleitewelle ein bisschen einzudämmen und die Menschen wenigstens ein Stück weit vor den staatlich verordneten Einbußen zu schützen, legten die Regierungen weltweit gigantische schuldenfinanzierte Förderprogramme auf, die die weltweiten Staatsschulden allerdings drastisch weiter erhöhen – und eine geordnete Finanzierung beziehungsweise Rückführung der Staatsschulden inzwischen fast unmöglich machen.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die aufeinanderfolgenden Krisen immer größere Ausmaße annehmen. Aus Sicht der Österreichischen Schule ist das insofern nachvollziehbar als die Staaten bei jedem Versuch, die Probleme kurzfristig zu lösen, die Situation weiter verschlimmern. Überschuldung wird mit weiteren Schulden ‚bekämpft‘. Kurzfristige Verbesserungen werden mit mittel- bis längerfristig auftretenden großen weiteren Schäden erkauft.

https://www.theeuropean.de/markus-ross/das-kleine-einmaleins-der-oekonomie-iv/

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